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Agilität ist eine Haltung

5 Min. Lesezeit

Agilität ist eine Haltung

Agilität begegnete mir zum ersten Mal als eine Rolle im Team: Als ich davon hörte, dass es in der Softwareentwicklung eine dezidierte Person gibt, die das Team darin coacht, gut zusammenzuarbeiten und die Prozesse stetig zu verbessern, war ich total begeistert. Ich dachte, dass das wirklich eine gute Idee ist. Mein Gedanke war: So muss das Team nicht alleine mit Schwierigkeiten und Konflikten umgehen, sondern hat jemanden, der auf Augenhöhe und als echtes Teammitglied daran arbeitet, den Überblick behält und die Zusammenarbeit verbessert. Bei nicht-agilen Teams hat diese Aufgabe die disziplinarische Führungskraft inne. Natürlich sollte jedes Team gut zusammenarbeiten und die Zusammenarbeit, die Prozesse und den Wert, der geliefert wird, stetig verbessern, oder?

Insofern ist das keine neue Erfindung der Agilist:innen, aber in meinem Erleben wurde diese Aufgabe und dieses Ziel hier das erste Mal explizit und klar genannt.

Agilität ist mehr als Scrum und Kanban

Trotzdem: Wenn von Agilität die Rede ist, denken viele direkt an Scrum und Kanban. Ich möchte in diesem Artikel betonen und klar machen, dass Agilität mehr ist als die Anwendung dieser Methoden. Dahinter steckt eine Haltung: Nämlich, dass wir Veränderung begrüßen. Dass wir Fehler machen und aus ihnen lernen. Im agilen Manifest steht kein Wort von Scrum und Kanban. Nein, hier werden Werte beschrieben:

Offen sein für Veränderung und Teams durch Veränderung zu begleiten. Das bleibt der Kern der Rolle, egal welche Methode gerade im Vordergrund steht. Für mich heißt das im Alltag: Ich schaue zuerst auf die Menschen vor dem Board, erst danach auf die Tickets darauf.

Der Begriff der Haltung

In der Pädagogik ist der Begriff der Haltung zentral. Ein Team muss eine gemeinsame pädagogische Haltung entwickeln, um an einem Strang ziehen zu können. Ich habe in der Pädagogik erlebt, dass eine gemeinsame Haltung und Wertvorstellungen viel schneller zeigen, ob eine gute Zusammenarbeit möglich ist, als es im Büro vielleicht der Fall ist. Die Kinder spiegeln das Verhalten der Erwachsenen und zeigen uns direkt, ob unser Tun funktioniert, oder nicht.

Bei erwachsenen Teams zeigt sich das subtiler, aber im Grunde genauso: Wenn ein Team an einem Strang zieht, ist das etwas anderes, als wenn jeder seine eigenen Überzeugungen versucht durchzusetzen. Deswegen sind Diskussionen im Team so wichtig. Damit wir merken, was uns gemeinsam wichtig ist.

Diesen Begriff der Haltung möchte ich gerne in der agilen Welt öfter hören: Wir arbeiten agil. Das bedeutet, dass wir bestimmte Überzeugungen teilen.

Als agile Master ist es auch ein Stück weit mein Job, das Team in dieser Haltung zu coachen und zu schulen. Damit Veränderungen möglich werden, und nicht dem Satz: „Das haben wir schon immer so gemacht“ zum Opfer fallen.

Von der Haltung zu Handlungsprinzipien

Eine Haltung bleibt abstrakt, solange sie nur im Kopf existiert. Sichtbar wird sie über Handlungsprinzipien: konkrete Regeln, die mir im Alltag zeigen, wie ich mich verhalte. Zwei Beispiele, eins aus der Pädagogik und eins aus dem Büro.

Kita: Erziehung zur Selbstständigkeit. Eine Erzieherin, der Selbstständigkeit wichtig ist, nimmt sich die Zeit, dem Kind zu zeigen, wie es seine Jacke allein anzieht. Jacke auf den Boden legen, mit den Armen in die Ärmel, Jacke über den Kopf flippen, fertig. Viele Eltern kennen diese „Butterfly-Methode“, die war und ist ziemlich beliebt. Am Anfang dauert das länger, als schnell selbst zuzugreifen. Das Handlungsprinzip dahinter: Ich übernehme für das Kind nur, was es mit Anleitung noch nicht selbst schafft.

IT-Team: Dinge einfach halten. Ein Team kann die Haltung vertreten, ein System so einfach wie möglich zu halten. Daraus wird ein sehr konkretes Handlungsprinzip: Anfragen erreichen uns über genau einen vorher definierten Kanal. Kolleg:innen, die Support brauchen, gehen also über diesen einen Kanal, statt parallel per Mail, über Teams und im privaten Chat. Das Team sieht dadurch alle Anfragen an einem Ort, und die Kolleg:innen müssen sich nur einen Weg merken.

Zwei Beispiele dafür, wie aus einer Haltung ein Handlungsprinzip und daraus sichtbares Verhalten wird. Welche Haltung ein Team entwickelt, entscheidet es selbst.

An solchen kleinen Regeln erkennst du die Haltung eines Teams oft schneller als an jedem Werte-Workshop. Umgekehrt lohnt sich die Frage in der Retro: Wenn uns das wirklich wichtig ist, woran würde man das morgen in unserem Verhalten sehen?

Jedes Team hat seine eigene Haltung

Gleichzeitig ist jedes Team unterschiedlich. Auch in einem Team aus Softwareentwickler:innen, Product Owner:innen, Tester:innen und Agile Master darf eine eigene Haltung entstehen, die sich in der täglichen Arbeit ausdrückt.

Zum Beispiel: Fehler sind okay. Oder: Wir reden nicht über Abwesende. Oder: Wer eine Frage hat, stellt sie offen im Team.

Diese ungeschriebenen Regeln entstehen durch wiederholtes Verhalten, genau wie bei den Kindern, die ich vorhin erwähnt habe. Meistens hängt kein Flipchart mit unseren Regeln im Büro und trotzdem prägen sie den Alltag oft stärker als jedes offizielle Teamwert-Dokument.

In einem meiner Teams war es eine ungeschriebene Regel, dass man beim Erklären, wie eine Funktion zum Beispiel bei PowerPoint funktioniert, nichts vorgemacht hat. Man führte die Kolleg:in durch das Programm, bis sie selbst die richtigen Menüs und Klicks fand. Ganz nach dem Motto von Maria Montessori: Hilf mir, es selbst zu tun. Auch wenn die Kolleg:innen in der Softwareentwicklung vermutlich nie davon gehört hatten. Ich vermute aber, dass es eine Praxis der Entwickler:innen aus dem Pairing ist. Ich fand es trotzdem bemerkenswert und diese Regel wurde tatsächlich nie geschrieben. Es ist eine gelebte Praxis.

Die aktuelle große Veränderung heißt KI. Für mich zeigt sich hier, ob eine agile Haltung im Alltag wirklich gelebt wird. Offenheit für Veränderung und die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen: Diese Prinzipien üben wir in agilen Teams schon lange. Jetzt wenden wir sie auf uns selbst an: auf unseren Umgang mit KI. Was das für meine Rolle als Agile Master bedeutet, beschreibe ich ausführlicher in Warum KI für Agile Master wichtiger wird.

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